«Wir tra­gen we­sent­lich zur Um­set­zung der Ener­gie­stra­te­gie 2050 bei.»

Die Pandemie ist bei weitem nicht die einzige Aufgabe der sich Energie Wasser Bern derzeit stellt. Franz Stampfli, Verwaltungsratspräsident und Daniel Schafer, CEO blicken zurück und voraus auf die aktuell grössten Herausforderungen in der Energieversorgung.

Im Gespräch mit Franz Stampfli, Verwaltungsratspräsident, und Daniel Schafer, CEO

Welche Erkenntnisse nehmen Sie bezogen auf Energie Wasser Bern aus der Coronakrise von 2020 mit?

Franz Stampfli (FS): Ich nehme zwei Erkenntnisse mit. Erstens ist mir einmal mehr bewusst geworden, welchen verantwortungsvollen Auftrag unser Unternehmen erbringt. Wir müssen die Grundversorgung auch in Krisenzeiten dauerhaft sicherstellen – die Stadt Bern am Laufen halten. Die zweite Erkenntnis: Unsere intensive Vorbereitung der letzten Jahre auf verschiedene Krisenszenarien hat sich bewährt. Das Führungsteam konnte sofort auf unseren Massnahmenplan für eine Pandemie zurückgreifen. Dabei lautete das oberste Ziel, die Mitarbeitenden vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen – besonders jene mit kritischen Funktionen wie etwa in den Leitstellen. Wir haben rasch die notwendigen Voraussetzungen geschaffen, damit die Belegschaft auch unter diesen erschwerten Bedingungen funktionieren kann.

Daniel Schafer (DS): In einer Krise braucht es die drei C: Command, Communication, Care. Ich habe den Eindruck, dass uns die Balance dieser drei Faktoren gut gelungen ist. Besonders wichtig war eine intensive, empathische und möglichst proaktive Kommunikation. Gleichzeitig sollten die Mitarbeitenden merken: Wir kümmern uns um sie und holen sie in ihren Ängsten ab. Denn trotz der hohen Arbeitsplatzsicherheit in unserem Unternehmen verunsicherte die Situation viele unserer Mitarbeitenden sehr.

Franz Stampfli, Verwaltungsratspräsident

Franz Stampfli, Verwaltungsratspräsident

Daniel Schafer, CEO

Daniel Schafer, CEO

Durch die Coronakrise gerieten zwei wichtige Weichenstellungen für die Energiebranche in den Hintergrund: Zuerst öffnete die Wettbewerbskommission im Frühling 2020 durch ein Urteil zur Gasversorgung in der Zentralschweiz faktisch den Gasmarkt. Im Herbst bekräftigte dann der Bundesrat, an der vollständigen Liberalisierung des Strommarkts festhalten zu wollen. Da kommt einiges auf Sie zu …

DS: Mit beiden Marktöffnungen beschäftigen wir uns schon seit Langem. Unsere Unternehmensstrategie legt fest, nach welchen Grundsätzen wir uns in liberalisierten und in regulierten Märkten verhalten. Klar ist aber auch: Wenn viel mehr Kundinnen und Kunden ihren Strom- und Gasanbieter frei wählen können, reichen unsere heutigen Wechselprozesse und die Systeme dafür nicht mehr aus. Deshalb haben wir Anfang 2020 das bereichsübergreifende Projekt «Marktöffnung 24» gestartet. Damit bereiten wir uns intensiv auf die zahlreichen praktischen Herausforderungen vor, die eine Marktöffnung mit sich bringt.

FS: Die aktuelle Situation zwingt die Energiebranche dazu, besser mit Unsicherheit umgehen zu lernen. Denn bei der Strommarktliberalisierung kommt es wahrscheinlich zu einer Referendumsabstimmung – mit ungewissem Ausgang. Und beim Gasversorgungsgesetz ist unter anderem unklar, ab welchem Jahresverbrauch die Kundinnen und Kunden ihren Gaslieferanten wählen können. Das macht es schwierig, sich auf die Marktöffnung vorzubereiten. Umso mehr sind Agilität und Innovationskraft von uns gefordert.

Wie sieht der Innovationsprozess von Energie Wasser Bern aus?
DS: Wir stellen die Bernerinnen und Berner in den Mittelpunkt und versuchen, ihre Bedürfnisse und die Herausforderungen dahinter genau zu verstehen. Erst dann können wir Lösungen entwickeln. Dazu nutzen wir klassische Innovationsmethoden wie Design Thinking und Open Innovation. Das bedeutet, für Produktinnovationen sehr rasch erste Prototypen zu entwickeln und diese durch einzelne Kundinnen und Kunden in der Praxis testen zu lassen. Auf Basis ihrer Feedbacks verbessern wir die Produkte, bis sie marktreif sind. Wir binden unsere Kundinnen und Kunden also konsequent in die Entwicklung neuer Angebote ein.

Können Sie ein Beispiel nennen?
DS:
Gemeinsam mit Kunden und Partnern haben wir das Assistenzsystem Siima für ältere Menschen entwickelt. Es vergleicht mittels intelligenter Stromzähler die aktuellen Stromlastdaten mit typischen Verhaltensmustern. Eine Abweichung vom üblichen Tagesablauf wird dabei rasch erkannt und löst einen Alarm aus, etwa wenn eine Person nach einem Sturz längere Zeit in der Wohnung liegen bleibt. Der Vorteil dieser diskreten Lösung liegt darin, dass sie mit wenig Aufwand installiert werden kann und passiv Sicherheit bietet.

Der Berner Gemeinderat kommt im neusten Controllingbericht der Energie- und Klimastrategie 2025 zum Schluss, dass sich die Stadt Bern insgesamt auf Kurs befindet. Welchen Anteil hat Energie Wasser Bern daran?
FS:
Es ist nicht überheblich, zu behaupten, dass wir einen substanziellen Beitrag leisten. In seiner Medienmitteilung zum Controllingbericht hat der Gemeinderat den Fernwärmeausbau als positives Beispiel für die erreichten Fortschritte genannt. Ich denke genauso an den stetig wachsenden Anteil an lokal produziertem erneuerbarem Strom. Oder an unsere systematische Umrüstung auf energieeffiziente Strassenleuchten, wodurch der Stromverbrauch der öffentlichen Beleuchtung in den letzten zehn Jahren um einen Drittel gesenkt wurde.

«Wir binden unsere Kundinnen und Kunden konsequent in die Entwicklung neuer Angebote ein.»

DS: Natürlich gibt es aber auch viele Bereiche, die wir nur indirekt beeinflussen können. Beim Heizungsersatz und bei den Gebäudesanierungen etwa beraten und unterstützen wir Hauseigentümer und Liegenschaftsverwaltungen bis hin zu Finanzierungs lösungen. Doch letztlich müssen sie sich selbst für den Wechsel hin zu erneuerbaren Energien und mehr Energieeffizienz entscheiden.

Nur gemeinsam erreichen wir das Ziel, den Anteil der fossilen Brennstoffe weiter zu senken. Gleich verhält es sich bei den alternativen Antrieben. Wir gehören zu den Schweizer Energieversorgern, die am meisten in die Infrastruktur für die Elektro- und die CNG-Mobilität investieren. Nun liegt es an den Lenkerinnen und Lenkern, auf klimaschonende Autos umzusteigen und diese Infrastruktur auch zu nutzen.

Ende Jahr veröffentlichte das Bundesamt für Energie die Resultate der mittlerweile fünften Vergleichsstudie unter den Schweizer Energieunternehmen. Das Abschneiden von Energie Wasser Bern dürfte zu Ihren Highlights von 2020 gehören …
FS:
Absolut. Das Benchmarking beurteilt objektiv, wie stark unser Unternehmen zu den Zielen der Energiestrategie 2050 des Bundes beiträgt. Beim Strom belegen wir unter allen teilnehmenden Energieversorgern den ausgezeichneten dritten Platz – obwohl wir nicht nur mit Elektrizität handeln, sondern diese auch produzieren. Unsere Zielerreichung bei Strategie, Produkten und Dienstleistungen für Energieeffizienz und erneuerbare Energien beträgt 88 Prozent, während es im Branchendurchschnitt 53 Prozent sind. Im Bereich Wärme haben wir sogar Rang zwei erreicht. Auch hier liegt unsere Zielerreichung mit 84 Prozent viel höher als der Durchschnitt von 50 Prozent. Mit diesen Ergebnissen sind wir das beste Querverbundunternehmen aller Teilnehmenden.

DS: Das Resultat bestätigt, dass wir als Gesamtenergiespezialist auf dem richtigen Weg und ein Vorreiter in der Branche sind. Wir unterstützen die Energiestrategie nicht bloss ideell, sondern tragen wesentlich zu deren Umsetzung bei – unter anderem mit Grossprojekten wie dem Fernwärmeausbau und dem geplanten Geospeicher. Doch auch wenn uns die Studie attestiert, richtig gute «Büez» zu machen: Wir wollen uns weiter verbessern.

«Unsere intensive Vorbereitung der letzten Jahre
auf verschiedene Krisenszenarien hat sich bewährt.»

Woran denken Sie?
DS:
Um das Energiesystem im Sinne der Energiestrategie 2050 und des städtischen Energierichtplans umzubauen, müssen wir als Gesamtenergiespezialist im Alltag noch viel mehr Synergien nutzen. Nur so entstehen optimierte Gesamtlösungen. 2020 hat sich ein interdisziplinäres Team erstmals der Frage gewidmet, wie das optimale Gesamtenergiesystem für die Stadt Bern aussieht. Diese Gesamtperspektive braucht es einerseits, um die ökologischen Ziele noch konsequenter zu verfolgen. Andererseits ist sie auch für den wirtschaftlichen Erfolg unseres Unternehmens zentral. Die für Ende 2024 geplante Zentralisierung auf dem Areal Ausserholligen wird es uns erleichtern, die besten Gesamtlösungen zu finden. Denn dort schaffen wir ideale Bedingungen für die Zusammenarbeit von Fachleuten aller Disziplinen.